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29. März 2026 Reflexion

Ich habe vieles kommen sehen. Aber nicht das hier.

Mann mit Hund auf einer Klippe an der Küste, Blick in die Weite

Kein Foto, kein call to action Button. Kein sales Gelaber.

Kein ai-assisted bullshit bingo.

Ich bin Jahrgang 1973. Wisst Ihr eigentlich, was das bedeutet?

Ich bin Innovation, ich bin Teil dynamischer Evolution.

Ich habe vieles kommen sehen. Aber nicht das hier.

Ich bin kein Technik-Naiver. Das sage ich nicht aus Eitelkeit. Ich sage es, damit du weißt, wer hier spricht.

Ich bin mit einem Commodore 128D aufgewachsen. Habe Programme von Diskette geladen, die sich Minuten statt Sekunden Zeit ließen, um mir zu zeigen, ob sie funktionieren. Ich habe mein fiependes Modem gehört zur Internetkonnektivität meiner Uni. Datex J, Btx, Netscape Navigator, Altavista. Dieses fast organische Geräusch, wenn sich zwei Maschinen tastend kennenlernen, jenseits von Faxgeräten. Habe mit Micro-Fiches gearbeitet. Habe Überweisungsbelege mit Stift ausgefüllt und Eurocheques codiert. Habe live Börsenticker aus Tokio, London und New York auf Papierstreifen gesehen. Kenne den Unterschied zwischen Kupferkabel und Glasfaser nicht nur aus Wikipedia.

Ich habe das Internet kommen sehen. Hab's begrüßt.

Und das Smartphone. Den Wandel vom Wählscheibentelefon über mobile Festnetztelefonie hin zum klobigen Nokia und nun zum unhandlich großen Alltags-Allzweckgerät, das heute mehr Rechenleistung hat als die Apollo 11. Den Diesel-Bulli mit 75 PS gegen ein vernetztes E-Auto, das sich selbst updated. Den Plattenspieler gegen Spotify. Alexa, die erste Sprachassistentin, die ich damals mit der gleichen Mischung aus Belustigung und Faszination befragt habe wie ein Kind ein Spielzeugtelefon. MRT/ CT, den DaVinci-Roboter, der mein Leben gerettet hat, durch millimeterfeine Schnitte. Die erste Mikrowelle in der Küche der Nachbarn. Das erste Sat-Fernsehen, die damals wirkte wie Magie aus der Zukunft. Ich habe monochrom Pong auf dem Röhrenfernseher gepielt, bevor es Tetris gab. Momentan gibt es eine PS5 im Haushalt.

Ich habe jeden dieser Momente erlebt. Ich bin damit aufgewachsen.

Innovation ist für mich kein Konzept aus einer Präsentation. Es ist meine Biografie, meine DNA.

Und trotzdem. Trotzdem fühlt sich das hier gerade anders an.

Es ist nicht die Technologie selbst, die mich aus der Ruhe bringt. Es ist, was sie verschiebt. Bei jeder vorherigen Innovation war das Limit irgendwo da draußen. Das Netz war zu langsam. Die Hardware zu schwach. Die Software zu teuer. RAM zu teuer. Die Regulierung zu träge.

Jetzt sitze ich vor einem System, das innerhalb von Sekunden Code schreibt, Konzepte entwickelt, Texte verfasst, Bilder generiert, Daten analysiert, mein virtueller Assistent sein. Und das Einzige, was dieses System aufhält, bin ich.

Meine Vorstellungskraft.

Das ist das Limit. Nicht mehr die Technologie. Ich.

Es ist, als hätte man mir einen unendlichen Lego-Baukasten hingestellt. Jede Farbe. Jede Form. Jede Größe. Und ich stehe davor und merke, dass das eigentliche Problem nicht das Bauen ist. Es ist: Was bauen? Was will ich eigentlich? Was bin ich bereit, mir vorzustellen?

Das ist eine philosophische Frage, die sich plötzlich als technische verkleidet.

Ich „mache" in meinem Berufsleben Weiterbildung. Jetzt mehr als ein Vierteljahrhundert. Ich habe Menschen dabei geholfen, Wissen zu strukturieren, zu vermitteln, anzuwenden. Ich habe immer geglaubt, dass das Lernen selbst das Wertvollste ist, nicht das Zertifikat, nicht der Kurs, nicht die Pflichtschulung.

Jetzt frage ich mich, ob das, was ich gelernt habe, überhaupt noch der richtige Maßstab ist.

Nicht weil das Wissen wertlos wurde. Sondern weil die Fähigkeit, Fragen zu stellen, wichtiger wird als die Fähigkeit, Antworten zu kennen. Weil Urteilsvermögen wertvoller wird als Faktenwissen. Weil Neugier, echte, unbequeme, richtungslose Neugier plötzlich eine Kernkompetenz wird.

Und ich denke: Darauf ist fast niemand vorbereitet. Kein Bildungssystem. Kein Weiterbildungsanbieter. Kein Unternehmen.

Wir haben jahrzehntelang trainiert, Antworten zu liefern. Jetzt gewinnt, wer bessere Fragen stellt.

Ich weiß nicht, wohin das führt. Das ist ungewohnt für jemanden, der immer einen Plan hatte.

Aber ich weiß: Dieses Gefühl, dieses diffuse, leicht schwindelige Gefühl, vor etwas Offenem zu stehen, das hatte ich noch nie. Nicht beim ersten Internet. Nicht beim ersten Smartphone.

Dieses Mal fühlt es sich groß an.

Wirklich groß.

Und ich bin froh, dabei zu sein.