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18. April 2026 Weiterbildung

Der Charakter der Neugier

Symbolbild Rabbit Hole

Als Kind fragt man „warum" unzählige Male am Tag. Sehr zur anfänglichen Freude der Eltern.

Mit ü50 fragt man: „Lohnt sich das überhaupt noch?"

Irgendwo dazwischen passiert das, was wir Altwerden nennen. Und ich meine damit nicht den grauen Bart oder die Lendenwirbelsäule, die morgens zeigt, was sie vom Wetter hält.

Ich meine den Moment, in dem man aufhört, ohne Anlass neugierig zu sein.

Neugier braucht kein Problem. Keine Problemlösungsnotwendigkeit und auch kein anlassabhängiges Element. Sie ist nicht die Suche nach einer Lösung, sondern die Lust auf eine Frage. Genau das verlernen wir oder trainieren es uns ab, weil Erwachsensein angeblich bedeutet, auf alles eine Antwort zu haben oder finden zu müssen. Die Kette „Problem, Bedarf, Angebot, Nutzen" als (selbst)verständliches ökonomisches Prinzip.

Die Neurowissenschaft ist dabei erfreulich unromantisch:

Matthias Gruber und Charan Ranganath (UC Davis, Neuron 2014) haben im fMRT gezeigt, dass Neugier dasselbe Belohnungssystem aktiviert wie externe Belohnung. Und: Im Zustand der Neugier merkt sich das Gehirn sogar Dinge, die mit der eigentlichen Frage gar nichts zu tun haben.

Heißt übersetzt: Wer neugierig ist, lernt nicht nur besser. Er lernt auch nebenbei.

Und jetzt kommt der Teil, der mich wirklich interessiert:

Galli et al. (2018) haben den Versuch mit älteren Erwachsenen wiederholt. Ergebnis: Der Lernvorteil durch Neugier ist bei 60- bis 80-Jährigen genauso groß wie bei Studierenden. Das dopaminerge System wird mit dem Alter träger, ja. Der Effekt bleibt trotzdem.

Sakaki, Yagi und Murayama nennen Neugier deshalb einen möglichen Schlüssel zu „adaptivem Altern", also zu Alter, das nicht in Rückzug endet.

Was nachlässt, ist nicht die Fähigkeit. Sondern der Zustand. Wir werden nicht „zu alt zum Lernen". Wir hören auf, uns in den Zustand zu bringen, in dem Lernen leicht fällt. Und da liegt der Punkt.

Neugier ist kein Charakterzug. Keine Errungenschaft sondern ein Ist-Zustand. Trainierbar. Verlierbar. Wiederbelebbar.

Deshalb ist sie für mich das Fundament(!) eigenverantwortlichen Lernens. Nicht Didaktik. Nicht Lernplattformen. Nicht LMS, LXP oder der nächste AI-Tutor.

Ohne Neugier ist alles andere nur Programm.

Bleibt neugierig.

📖

Quellen:
Gruber, Gelman & Ranganath (2014), „States of Curiosity Modulate Hippocampus-Dependent Learning via the Dopaminergic Circuit", Neuron. Link
Galli et al. (2018), „Learning facts during aging: the benefits of curiosity". Link
Sakaki, Yagi & Murayama (2018), „Curiosity in old age: A possible key to achieving adaptive aging", Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Link