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31. Mai 2026 Was sie wussten

John Rae

Porträt von John Rae
Mit freundlicher Genehmigung der John Rae Society.

Was sie über Neugier wussten · I

Ich war einmal viele Jahre lang Mitglied in einer Gesellschaft, die einen Toten verteidigt.

Die John Rae Society sitzt in Schottland und neben dem Aufbau eines zugigen Herrenhauses auf Orkney namens Hall of Clestrain, ist ihr Zweck, das Andenken an einen Mann geradezurücken und zu gedenken, der seit über hundert Jahren zumindest größtenteils vergessen wurde. Man zahlt einen Beitrag, damit ein Schotte, den kaum noch jemand kennt, ein bisschen weniger vergessen wird. Klingt schrullig. Und ist es auch. Aber Rae hatte das nötig, und genau das ist die Geschichte.

1845 segelte Sir John Franklin mit zwei Schiffen und 129 Mann nach Norden, um die Nordwestpassage zu finden, die Abkürzung durch das arktische Eis, von der das British Empire seit Jahrhunderten träumte. Erebus und Terror, zwei umgebaute Kriegsschiffe, vollgestopft mit allem, was die Zivilisation für unverzichtbar hielt: Konservendosen zu Tausenden, eine Bibliothek mit über tausend Bänden, Porzellan, Silberbesteck (graviert, versteht sich). Sie fuhren los und kamen nie wieder. Für sehr lange war sowohl der Mythos der Nordwestpassage als auch das Schicksal der Expedition ungelöst. Nunja, das eine war viel länger gelöst als das andere, trotzdem hingen sie zusammen.

Was man Jahre später auf King William Island fand, gehört zu den bittersten, zumindest zu den öffentlich prägendsten Bildern der Polargeschichte: ein Rettungsboot, von sterbenden Männern über das Eis geschleppt, und darin, neben den Leichen, das Silberbesteck. Sie hatten das Gravierte bis zuletzt nicht losgelassen.

Und dann gibt es John Rae. Ein "Surgeon" der Hudson's Bay Company, geboren 1813 auf Orkney, einer von denen, die das Empire nicht zu Helden machte, weil sie nicht ins Heldenformat passten. Rae reiste leicht. Kein Konservendosen-Tross, keine schwimmende Bibliothek. Er hatte etwas getan, das den feinen, etablierten Herren in London nie eingefallen wäre: Er hatte die Menschen gefragt, die dort lebten.

Bei den Inuit lernte er, wie man ein Iglu baut, von der Jagd lebt und sich auf Schneeschuhen über Hunderte Meilen bewegt, ohne zu erfrieren und mit maximaler Effizienz. Ein Augenzeuge nannte ihn den besten Schneeschuhläufer seiner Zeit. Auf einer einzigen Reise im Winter 1851/52 legte er zu Fuß rund 1.280 Meilen zurück, gut zweitausend Kilometer. Bei über vier Arktis-Expeditionen kamen mehr als zehntausend Meilen zusammen und fast achtzehnhundert Meilen kartierte Küste. Franklin nahm die Zivilisation mit ins Eis und starb mit ihr. Rae ließ sie zu Hause und kam zurück.

Was Rae zu Rae machte, war vieles. Zähigkeit, Geschick, ein Körper, der das alles wegsteckte. Mut und Kraft gehören auch dazu, die aber hatten Franklins Männer im Überfluss, und das Eis holte sie trotzdem.

Eines kam in London gar nicht erst vor, und es ist das, worum es in dieser Reihe geht: eine bestimmte Art von Neugier. Die leise Sorte. Die fragt, und dann, was viel seltener ist, die Antwort ernst nimmt. Rae stellte die eine Frage, die zu Hause niemand stellte: Wie machen das eigentlich die, die hier seit jeher leben? Er hielt das Wissen von Menschen, die seit Jahrtausenden in dieser Kälte zurechtkamen, für ernstzunehmendes Wissen. In einem Empire, das in den Inuit bestenfalls "Wilde" sah und in ihren Auskünften Gerede, war das beinahe ein staatsfeindlicher Gedanke.

Und genau dieses Zuhören brachte ihm 1854 die Wahrheit. Auf einer Vermessungsreise traf Rae auf Inuit, die ihm erzählten, was sie gesehen und gehört hatten: weiße Männer, ausgehungert, am Ende. Und am Rande, die zum Letzten gegriffen hatten, das einem bleibt. Kannibalismus. Rae glaubte ihnen, weil er gelernt hatte, dass sie zuverlässige Beobachter waren. Für ihn war das keine Taktik, die er für den Anlass hervorholte. Menschen ernst zu nehmen, die andere ignorierten, und die unbequeme Auskunft genauso zu notieren wie die bequeme, so arbeitete er, und so war er vermutlich auch sonst. Die Neugier, die ihn bei den Inuit lernen ließ, und die Ehrlichkeit, mit der er ihr Wort weitergab, waren bei Rae nicht zu trennen. Er schrieb es auf und schickte einen vertraulichen Bericht an die Admiralität.

Die machte ihn öffentlich. Und damit begann die Demontage.

Die Vorstellung, dass britische Offiziere ihre toten Kameraden gegessen haben könnten, war für das viktorianische England schlicht nicht hinnehmbar. Lady Franklin, die Witwe, betrieb einen jahrelangen Feldzug gegen den Boten der schlechten Nachricht, und sie hatte das prominenteste Sprachrohr des Landes an ihrer Seite: Charles Dickens. Dickens schrieb gegen Rae an, erklärte die Inuit pauschal für unglaubwürdig, "Wilde lügen", so der Tenor, und drehte den Mann, der die Wahrheit gefunden hatte, zum taktlosen Nestbeschmutzer.

Es half nichts, dass Rae recht hatte. Spätere Funde bestätigten ihn aber bis ins Detail. Und den Ureinwohnern. Es half auch nichts, dass die Admiralität ihm die zehntausend Pfund Belohnung für die Aufklärung des Franklin-Schicksals zusprach, im Gegenteil, das nahm man ihm noch übler. Der Ritterschlag, den fast jeder andere Polarforscher seiner Zeit bekam, blieb ihm versagt. Wer genau hinsah und das Gehörte ernst nahm, wurde zuerst bestraft.

Dabei hatte er nebenbei das Stück Wasser entdeckt, auf das es ankam. Die Meerenge, die heute Rae Strait heißt, war die einzige tatsächlich schiffbare Route durch die Passage, nicht die, die Franklin gesucht hatte, sondern die, die funktionierte. Ein halbes Jahrhundert später fuhr Roald Amundsen genau hier durch und vollendete als Erster die Nordwestpassage. Er fuhr durch Raes Wasser und zehrte von Raes Methode: leicht reisen, von den Einheimischen lernen, zuhören. Amundsen wurde gefeiert. Rae blieb der mit der hässlichen Nachricht. Und er blieb lange Zeit Ausgestoßener. Und im Rahmen der Geschichte noch viel schlimmer: ein Vergessener.

Lange hätte die Geschichte hier geendet, im Bitteren. Tut sie aber nicht. 2014, hundertzwanzig Jahre nach seinem Tod, bekam Rae endlich eine Gedenktafel in der Westminster Abbey, dort, wo die Helden des Empire liegen. Im selben Jahr fand man auf dem Grund der Arktis das Wrack der Erebus, zwei Jahre darauf die Terror, ungefähr dort, wo die Inuit es immer gesagt hatten. Die "Wilden" hatten sich, wie sich herausstellte, nicht geirrt. Warum sollten sie auch?

Hundertsechzig Jahre nach seiner Reise trägt eine Meerenge im hohen Norden seinen Namen, und auf dem Meeresgrund liegen die Schiffe genau dort, wo seine Zeugen sie verortet hatten. Das Eis hat länger zu ihm gehalten als das Empire. Für einen Verein, der einen Toten verteidigt, ist das eigentlich ein ganz guter Grund.

Bleibt neugierig.

Mehr über den Mann und den Wiederaufbau seines Geburtshauses bei der John Rae Society.