Warum es Neugier heißt und nicht Sorgfalt
Neulich wollte mich jemand korrigieren. „Neugier als Methode? Es heißt doch Neugierde." Tut es nicht. Beziehungsweise: tut es auch. Der Duden führt beide, und einen echten Unterschied gibt es nicht.
„Neugierde" ist nur die ältere, etwas umständlichere Form, mit so einem feierlichen -de hintendran, wie bei Begierde oder Zierde. Ich nehme die schlanke Variante. Weniger Silben, gleiche Bedeutung.
Aber die Frage hat mich an etwas anderes erinnert.
Schau dir das Wort an. Neu-gier. Da steht es. Ganz offen und undiplomatisch direkt: Gier auf das Neue. Und Gier ist kein nettes Wort. Gier ist das, was Banken in die Krise reitet und Menschen zum Kühlschrank treibt. Trotzdem gilt neugierig als Tugend. Das ist die kleine Schizophrenie, die wir jeden Tag benutzen, ohne sie zu merken: Wir haben einem Laster ein „neu" vorangestellt und nennen das Ergebnis eine gute Eigenschaft.
Die Holländer machen es noch ehrlicher. Nieuwsgierig, gierig nach Neuigkeiten, wörtlich. Die Dänen und Norweger haben das Wort von uns übernommen (nysgerrig, nysgjerrig), wobei ihr „gerrig" heute eher geizig heißt. Neu-geizig, sozusagen. Die Schweden bauen es genauso, nur mit einem anderen zweiten Teil. Es ist ein germanisches Familienwort, und in jeder dieser Sprachen steckt derselbe Antrieb drin: ein Hunger.
Und jetzt ein interessanter Teil.
Die Engländer, Franzosen, Italiener, Spanier, die haben ein völlig anderes Wort. Curiosity. Curiosité. Alle vom lateinischen cura: Sorge, Sorgfalt, Aufmerksamkeit. Kein Hunger. Keine Gier. Sondern eine Art sorgfältige Hinwendung. Wer curious ist, kümmert sich um eine Sache. Wer neugierig ist, will sie verschlingen.
Zwei Sprachfamilien, zwei Temperamente. Die einen sehen einen Appetit, die anderen eine Haltung.
Ich glaube, beides stimmt. Die Gier ist der Start, das Ziehen, das einen im rabbit hole gefangen hält. Aber Gier allein läuft sich tot. Sie sammelt zu viele offene Tabs und findet keinen Abschluss oder kein Ende. Damit aus dem Hunger etwas wird, braucht es das andere, das cura: die Sorgfalt, das Dranbleiben, die Form.
Ich hätte gerne eine Zusammenführung beim Lesen von „Neugier als Methode".
Der deutsche Antrieb und die lateinische Disziplin in einem Wort, das es in keiner Sprache so gibt.
Die Gier bringt dich los. Die Sorgfalt bringt dich an.
Bleibt neugierig.