Neugier „neu" erklärt
Vor einiger Zeit habe ich hier geschrieben, dass Neugier kein Charakterzug ist, sondern ein Zustand. Und dass wir aufhören, uns in diesen Zustand zu bringen, nicht weil wir nicht mehr können, sondern weil wir irgendwann glauben, dass Erwachsensein bedeutet, Antworten zu haben statt Fragen zu stellen.
Eine Studie, auf die ich diese Woche gestoßen bin, gibt diesem Gedanken eine Präzision, die ich vorher nicht hatte.
Whatley, Murayama, Sakaki und Castel haben 2025 in PLOS ONE Daten von über 1.200 Erwachsenen zwischen 20 und 84 Jahren ausgewertet — und dabei etwas untersucht, das in der Neugierforschung erstaunlich selten sauber getrennt wird: die Unterscheidung zwischen Trait Curiosity und State Curiosity.
Trait Curiosity ist die Grundhaltung. Die stabile Persönlichkeitseigenschaft, die beschreibt, wie offen jemand generell für Neues, Unbekanntes, Fremdes ist. Gemessen wird sie über Fragebögen, Aussagen wie „Ich genieße es, neue Ideen zu erkunden" oder „Ich suche aktiv nach Informationen, auch wenn ich sie nicht unmittelbar brauche." Diese Form der Neugier sinkt mit dem Alter. Das ist der Befund, den wir intuitiv kennen und der die meisten Debatten über Lernen im Alter dominiert.
State Curiosity ist etwas anderes. Sie ist keine Eigenschaft, sondern ein Moment. Das Entstehen eines konkreten Informationsbedürfnisses in einer bestimmten Situation, das Kribbeln, wenn man eine Frage sieht und die Antwort wissen will. Sie ist reaktiv, situativ, an konkretes Lernmaterial gebunden. Und sie steigt mit dem Alter.
Diese entgegengesetzten Verläufe sind der eigentlich interessante Befund der Studie.
Der Erklärungsansatz der Autoren ist direkt und einleuchtend: Ältere Menschen verfügen über reicheres Vorwissen. Und Vorwissen ist einer der stärksten Neugier-Trigger überhaupt. Wer mehr weiß, bemerkt präziser, was er noch nicht weiß und erlebt die Wissenslücke intensiver. Die situative Neugier entsteht also nicht trotz des Alters, sondern auch wegen der Erfahrung, die das Alter mitbringt.
Das verändert für mich das Bild vom „unneugierigen älteren Erwachsenen" grundlegend.
Wir werden mit den Jahren nicht gleichmäßig weniger neugierig. Wir werden selektiver. Die breite, ungerichtete Offenheit für alles Mögliche nimmt ab. Aber die Intensität und Tiefe der Neugier dort, wo etwas andockt, wo ein Anknüpfungspunkt vorhanden ist, nimmt zu. Das ist kein Verlust.
Für die berufliche Weiterbildung bedeutet das eine direkte, ungemütliche Schlussfolgerung: Wer ältere Lernende mit breiten, wenig kontextualisierten Lernangeboten anspricht, verschenkt genau das Potenzial, das diese Gruppe mitbringt. Nicht mehr Stoff, sondern bessere Anknüpfung. Nicht Neugier erzwingen, sondern Andockpunkte schaffen, dann entsteht sie „von selbst".
Bleibt neugierig.
Quelle: Whatley, Murayama, Sakaki & Castel (2025), „Curiosity across the adult lifespan: Age-related differences in state and trait curiosity", PLOS ONE. doi.org/10.1371/journal.pone.0320600