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11. Juni 2026 Was sie wussten

John Harrison

Porträt von John Harrison, gemalt von Thomas King
John Harrison, gemalt von Thomas King († um 1796). Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Was sie über Neugier wussten · II

1736 sitzt ein Tischler aus Yorkshire vor einer Kommission der mächtigsten Seefahrernation der Welt und tut etwas, das bis heute niemand so recht erklären kann: Er redet sein eigenes Werk schlecht. Und das, obwohl seine Idee, sein Ansatz der richtige war. Das reichte ihm aber nicht.

Seine Uhr hat gerade auf der Rückfahrt von Lissabon den Navigator der Orford korrigiert; um sechzig Meilen, die Küste lag woanders, als die Profis glaubten. Auf dem Tisch liegt damit, greifbar nah, das größte Preisgeld der Wissenschaftsgeschichte: zwanzigtausend Pfund, ausgelobt vom Parlament 1714 für eine Methode, den Längengrad auf See zu bestimmen — der Longitude Act. Mehrere Millionen in heutigem Geld. Harrison müsste nur die vorgeschriebene Testfahrt nach Westindien fordern.

Die Konkurrenz war, vorsichtig gesagt, überschaubar. Ein Flugblatt von 1687 (Titel: Curious Enquiries, der Mann hätte auf diese Seite gepasst) schlug vor, vor der Abreise einen Hund zu verwunden, den Hund mitzunehmen und das Messer im Heimathafen zu lassen — wo man es täglich Punkt zwölf mit „Waffensalbe" bestreichen sollte, worauf der Hund an Bord dank übersinnlicher Verbindung aufjaulen und der Mannschaft so die Heimathafen-Mittagszeit verkünden würde. Die Mathematiker Whiston und Ditton wollten in regelmäßigen Abständen Schiffe auf den Ozeanen verankern, die zur Orientierung Böller abfeuern (Whiston rechnete mit höchstens sechshundert Metern Wassertiefe; die Ozeane sahen das anders). Und Edmond Halley hoffte auf das Erdmagnetfeld. Es half nichts. Harrisons eigentlicher Rivale war die Astronomie, die Monddistanz-Methode — die einzige ernsthafte.

Zurück zu Harrison. Er wusste, dass sein Weg der richtige ist. Und der Praxiseinsatz zeigte es. Stattdessen erklärt er den Herren der Kommission, dass seine Maschine bei schwerem Seegang zu kleinen Gangfehlern neigt, die ihn stören. Er bittet um einen Vorschuss von fünfhundert Pfund, um eine bessere zu bauen. Die Kommission, eigens für ihn zum ersten Mal überhaupt zusammengetreten, bewilligt zweihundertfünfzig.

Um zu verstehen, was für ein Kopf da verhandelt, muss man zwanzig Jahre zurück. John Harrison, geboren 1693 in Foulby, Sohn eines Tischlers, keine Uhrmacherlehre, keine Zunft, kein London. Seine ersten Uhren baut er aus Eichenholz. Was nach Bastelei klingt, war ein Frontalangriff auf das Grundproblem des ganzen Handwerks: Uhrenöl. Die Schmierfette des achtzehnten Jahrhunderts verharzten bei Kälte und verflüchtigten sich bei Wärme, jede Uhr der Welt ging deshalb mal mehr mal weniger falsch, und das gesamte Gewerbe doktorte an Symptomen herum. Harrison strich kurzerhand die Ursache. Für die Lager nahm er Pockholz, ein tropisches Holz, das sein eigenes Öl absondert, und erfand eine Hemmung, die fast ohne Reibung auskommt. Seine Turmuhr von Brocklesby Park läuft seit gut dreihundert Jahren. Ungeschmiert.

So einer schaut auf eine Lücke, und die Lücke schaut zurück.

Die Längengrad-Lücke war die größte seiner Zeit. Ich habe Geographie studiert, und im Studium war das Gradnetz Gratisware: Es lag einfach unter jeder Karte, ein stilles Liniengitter, über das auch viele Geographen kaum viele Worte verlieren. Dass die eine Hälfte dieses Gitters jahrhundertelang reine „Behauptung" war, erfährt man erst, wenn man nachbohrt. Der Breitengrad ist ein Geschenk des Himmels, jeder Steuermann konnte ihn am Sonnenstand ablesen. Der Längengrad dagegen ist ein Bauwerk. Er braucht die Uhrzeit des Heimathafens, auf See, monatelang, bei Sturm, Salz und vierzig Grad Temperaturunterschied. Newton hielt eine solche Uhr für praktisch unmöglich. Schiffe verfehlten Inseln, liefen nachts auf Felsen, 1707 starben vor den Scillys an die zweitausend Mann an einem einzigen Abend, an einem Rechenfehler. Daher die zwanzigtausend Pfund.

Harrison verbiss sich in diese Lücke, und zwar auf eine Art, für die das Wort Ausdauer zu freundlich ist. Nach der ersten Seeuhr, vierunddreißig Kilo Messing (die er, siehe oben, selbst durchfallen ließ), baute er eine zweite. Auch sie genügte ihm nicht. Dann begann er die dritte, und an der saß er neunzehn Jahre. Neunzehn Jahre Hilfsfedern, Bimetallstreifen, Justierungen, ein Mann allein in seiner Werkstatt mit einem Apparat, der einfach nicht tun wollte, was er sollte. Um in dieser Zeit wenigstens vernünftig messen zu können, ließ er sich 1753 vom Uhrmacher John Jefferys eine Taschenuhr nach eigenen Plänen bauen. Werkstattwerkzeug, mehr nicht.

Dann schaute er dieses Werkzeug eines Tages genauer an.

Die kleine, schnell schwingende Unruh der Taschenuhr steckte die Stöße weg, an denen seine Seeungetüme scheiterten. Das Prinzip, dem er zwei Jahrzehnte hinterhergebaut hatte, war das falsche Prinzip. Harrison war über sechzig, als er sich das eingestand, die dritte Maschine fast fertig auf dem Tisch. Er fing von vorn an. Die vierte Uhr wurde ein Taschenuhrformat von dreizehn Zentimetern, und sie hielt auf der Fahrt nach Jamaika die Zeit so genau, dass sie die Bedingungen für den Höchstpreis sogar übertraf.

Den Preis bekam er trotzdem nie. Hier wird die Geschichte gern zum Heldendrama gebogen: das einsame Genie, betrogen von einer Clique neidischer Astronomen. Dava Sobels Bestseller hat dieses Bild weltberühmt gemacht, die Forschung hat es ziemlich gründlich zerlegt. Die Kommission wollte schlicht wissen, ob diese eine Wunderuhr ein Zufallstreffer war und ob außer Harrison irgendjemand auf der Welt so etwas bauen konnte, eine für eine staatliche Stelle einigermaßen vernünftige Frage. Harrison sah darin Enteignung und Verschwörung, mauerte, tobte, schrieb wirre Streitschriften. Beide Seiten hatten ihre Gründe, und beide machten einander das Leben schwer. Erst als eine Kopie seiner Uhr auf James Cooks zweiter Weltumseglung drei Jahre lang tadellos lief (Cook nannte sie im Logbuch seinen nie versagenden Führer), war der Beweis erbracht. Da war Harrison über achtzig. Bezahlt wurde er am Ende übrigens fürstlich, in Raten über vierzig Jahre, zusammen mehr als die ausgelobte Summe. Nur die Urkunde, der offizielle Gewinn, das Recht-bekommen-Haben: das blieb aus. Es hat ihn bis zuletzt gewurmt.

Das Stille an dieser Revolution ist, wie bei John Rae, dass man sie heute nicht mehr sieht. Raes Meerenge liegt auf jeder Arktiskarte, Harrisons Lösung steckt in jeder Koordinate, die aber selbstverständlich geworden ist. Wer heute aufs Handy schaut und einen blauen Punkt auf einer Karte sieht, benutzt die Antwort auf eine Frage, an der ein Tischler vierzig Jahre lang gesessen hat. Und wie Rae wurde auch Harrison erst einmal gründlich vergessen. Aus anderen Gründen. Seine vier Maschinen lagen über ein Jahrhundert in Greenwich und rosteten vor sich hin, bis in den 1920ern ein pensionierter Marineoffizier namens Rupert Gould sie in jahrelanger Heimarbeit wieder zum Ticken brachte. Rae bekam seine Tafel in Westminster Abbey 2014, hundertzwanzig Jahre nach seinem Tod. Zwei Männer, die die Welt vermessbarer gemacht haben und dafür selbst aus dem Bild gerückt sind. Die Geschichte hat ein Faible für die Lauten, die strahlenden Helden wie Cook; ihre Karten zeichnen aber die Leisen.

Im Versuchsfeld dieser Seite gibt es einen Neugier-Typ, den ich den Bohrer nenne. Sein Antrieb ist die offene Lücke, die wehtut, bis sie geschlossen ist, und hinter jeder geschlossenen geht die nächste auf. Seine Neugier ist selten Freude, fast immer Erleichterung. Falls dieser Typ je ein Gesicht gebraucht hat: Es trägt eine Perücke und riecht nach Pockholz. Vierzig Jahre an einem Problem, fünf Maschinen, jede ein Einspruch gegen die vorige.

Ein Wort noch, sein eigenes. Über die vierte Uhr schrieb der alte Harrison, es gebe auf der Welt kein mechanisches oder mathematisches Ding, das „more beautiful or curious in texture" sei. Curious hieß damals: mit äußerster Sorgfalt gefertigt. Dasselbe Wort, das wir heute für die Gier auf das Neue benutzen, bezeichnete die Hingabe ans Detail, beides aus derselben lateinischen Wurzel, cura, die Sorge. Harrison hat vermutlich nie darüber nachgedacht. Er hat es einfach vierzig Jahre lang vorgelebt, beide Bedeutungen gleichzeitig.

Gestorben ist er am 24. März 1776 in London. Es war, wenn man dem alten Kalender folgt, auf den Tag genau sein dreiundachtzigster Geburtstag. Der Mann hat sein Leben lang die Zeit vermessen, und am Ende ging seine eigene Uhr einmal ganz herum und blieb auf dem Schlag stehen, mit dem sie angefangen hatte.

Bleibt neugierig.

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Die Lücke, die nicht loslässt — kommt dir bekannt vor? Welcher Neugier-Typ du bist, zeigt der Test im Versuchsfeld.